gedichte
 
1. preis für weltsame lyrik (2003)
 
Der Gewinner des lauter niemand lyrikpreises 2003 ist Tom Schulz.
 
frau_im_boot
© lauter niemand
Tom Schulz
Die Schwangere
 
Sie trägt schon schwerer
als der Himmel in den See
sich senkt

Es heißt:
der Wind hält an -
Doch ihre Schöße wehn

Die Ruder Blätter
wenn das Wasser flieht

Jetzt, zwischen Stillzeit u. Prägnanz
weiß sie, trinkt sie den Wein

Im Winter liegt das Boot
am Schilfwald u. die Entengrütze
treibt in Gedichten um die Ufer

Dann raucht sie eine blaue Zigarette
(im Gitterbett mit schönen Augen, ausgeweint)

Sie hat den Mann ins Kissen eingenäht:

Noch vor der siebten Stunde hört sie die Krähen schlagen aus dem Baum.
 
 
weiter einsendungen / ohne autorennamen
 
unter den wolken
 
versiegende wogen
wie wallende wehen:
der herr hat's genommen
der herr lässt's entstehen.

schon etwas mehr als eine
himmelhochjauchzende eizelle
verleiht dem see eine kleine
das wasser verdrängende delle:
nicht der nicht wehende abendwind
sondern das noch nicht geborene kind
(bei abendrot im ruderboot)
macht eine ziemliche welle

für die angehende mutter
(sitzt auch im kutter)
ist alles in bester butter
denn als die sonne
gen wasser träufelt
und mit dem abendhimmel
in diesem bald ersäufelt
als sich voller wonne
mamas pupillen weiten
glaubt diese doch tatsächlich
ihrer und des bootes körper
würden auf den wolken gleiten.

nur damit wir uns richtig verstehen:
an dieser stelle
(der sogenannten freiheitsdelle)
hat das große G
das transzendentale T
das jenseitige J
kurz und gut: Gott!
kein Gleitmittel vorgesehen.

 
 
windstil(l)leben
 
am himmel flog ein zeppelin
luftlos vom wind getragen
dann flog der wind woandershin
ohne's sei'm gast zu sagen
so sank die unförmige bohne
kein vogel fragt, wer darin wohnte

sie sank mit wohl und wehe
auf einen see im abendlicht
als vorher eine scharfe schlehe
die hülse in zwei leiber schnitt
die hälfte kriegt der busch zu fassen
die andre glitt in wassermassen

so trieb , was flog, nun wie ein boot
zur hälfte fischers nacht entgegen
gespiegelt tief im sonnenrot
ahnt man im boot ein leib bewegen
drei wellen - stöhnen und ein schrei
vielleicht sind's zwei ?

fragt sich ein frischer wind vom ufer
und stellt die segel nochmal hin
wer lebt dort in der seltnen arche?
und segelt sacht zu frau und kind
klopft an, als ob's die haustür wär
"heraus!" sagt sie " ich kann nicht mehr"

seit dem nun segeln alle tage
die frau, der fischer und ihr kind
und wenn es manchmal windstill wird
dann sieht sie nicht zum himmel hin
denn oben wollt' sie niemand halten
hier unten bleibt's dann nur beim alten

 
 
Wolkenschiffe
 
Die Wälder die Blätter die Schritte
zur Böschung hinunter
wo sie und ihr Leben sitzen
und sinnen
randvoll mit Zärtlichkeit beginnt sie zu sammeln
die Stunden die Farben
der Sommer
saugt ihre rhythmische Blicke auf.

Fingerkuppen treiben
das lackierte Holz im Wasser umher
wie auch der Abendhimmel
im Spiegel des Sees sich wäscht
filigran in Sitzfalten gelegt
watet im rötlichen Licht
die Sonne dem Untergang entgegen
am Ufergestein labt sich die Wärme
der Wind legt sich schlafen
über den Schneisen
wird die Stille tief in Wein getaucht.

Fast glaubt sie zu hören
wie Wolkenschiffe halten
sie steigt ein ins Perlmutt
und gleitet auf ihren Schatten
hebt sich auf für den Tag
nicht für die Nacht
bis Flügel an die Sterne stoßen.

 
 
den ungeborenen enkeln
 
auf dem wasser treibt die plazenta
in einer mutter berstendem schoß
heimelig wärmer und härter stoßen
die füßchen des ungeborenen an die
pforte rauszukommen wie sterne
glänzender schweiß der nacht fällt
in den see wie monate vorher die liebe

 
 
Die Schwangere
 
Sie trägt schon schwerer
als der Himmel in den See
sich senkt

Es heißt:
der Wind hält an -
Doch ihre Schöße wehn

Die Ruder Blätter
wenn das Wasser flieht

Jetzt, zwischen Stillzeit u. Prägnanz
weiß sie, trinkt sie den Wein

Im Winter liegt das Boot
am Schilfwald u. die Entengrütze
treibt in Gedichten um die Ufer

Dann raucht sie eine blaue Zigarette
(im Gitterbett mit schönen Augen, ausgeweint)

Sie hat den Mann ins Kissen eingenäht:

Noch vor der siebten Stunde hört sie die Krähen schlagen aus dem Baum
 
 
Warten
 
In mir ein Schwanken, ein Pochen
Unter mir ist über mir, kalter
Schweiß schwebt an der Stirn.
Ruhig das Atmen. Ich kann es wieder.

Momente. Augenblicke der Langsamkeit.
Das träge Sommerlicht, schwer
Auf dem Rücken liegend, den Bug
in eine windstille Zukunft gerichtet

Es besucht mich wieder, bringt mit sich
Meinen Freund, den Schmerz. Die
Mutter, die mich einst warnte: Im Wasser
Liegen die traurigsten Spiegel.

Sieh dich vor. Ich warte. Er wird
Wiederkommen. Ich bleibe, schwebe
Getriebenes Eis der Julisonne, schauend.

 
 
wenn der himmel sich legt
 
als ob die wolken unten lägen
auf einem see draussen
neben der stadt schläge
ins wasser wie in ein gesicht
wenn der himmel sich legt
die farben von wellen umspült
ausgewaschene wunden am ende
versinkt der tag erschöpft
hinter der spitze eines bootes
faltet eine frau die hände
über dem gewölbten bauch
ihre Haare fallen in die nacht
 
 
ausser konkurrenz
 
Clemens Kuhnert
bauch und spiegel
 
das kind im bauch

der bauch im boot

das boot im see

der see im himmel

der himmel im see

das boot im himmel

der bauch im boot

das kind im bauch